Print version template
Heinrich Böll Stiftung Hessen e.V.

Mechthild Veil

 

Frauen im erweiterten Europa

  

Einige weiterführende Überlegungen zur gleichnamigen Tagung im November 2005 in Frankfurt am Main, veranstaltet von der Stiftung Frauen in Europa und der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen und Bund

 

Die anregenden Diskussionen der Tagung „Frauen im erweiterten Europa“ haben deutlich gemacht, dass trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen Erfahrungen mit Frauen- und Geschlechterpolitiken in den einzelnen europäischen Ländern das Bedürfnis von Frauen nach Austausch und nach Vernetzung entlang gemeinsamer Themen und Fragestellungen groß ist – nicht zuletzt auch, um nach neuen Allianzen jenseits der Ost-West Konfrontation Ausschau zu halten.

 

„Erfahrungen von Frauen auf dem Weg in die Europäische Union - Erwartungen in Ost und West“ so lautete das Thema der abschließenden Podiumsdiskussion, die Birgit Laubach (Stiftung „Frauen in Europa“) moderierte. Wie sehen die Erfahrungen von Frauen beim Übergang totalitärer Regime in Demokratien und in die EU aus? Wie kann Frauenpolitik im Rahmen der EU gestaltet werden? Wie gehen wir mit Vielfalt und Ungleichzeitigkeiten der Entwicklungen - nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa, sondern auch zwischen den einzelnen Ländern - um? Welche Vermittlungsinstanzen oder Vermittlerinnen, wie es Ines Geipel ausdrückte, brauchen wir? Zu diesen Fragen diskutierten Hana Havelková (Universität Prag), Bożena Chołuj (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder), Elisabeth de Sotelo (Universität Koblenz-Landau) und Ines Geipel (Hochschule für Schauspielkunst, Berlin).

 

Aus den lebhaften und zum Teil kontroversen Diskussionsbeiträgen kann – wie zumeist bei Podiumsdiskussionen – kein klares und eindeutiges Fazit gezogen werden, es lassen sich jedoch im Nachhinein einige Erkenntnisse oder Standpunkte heraus kristallisieren, die für weitere Auseinandersetzungen zu dem Thema nicht verloren gehen sollten:

  

 

Erstens:

 

Der Austausch zwischen Frauen aus totalitären Regime wie beispielsweise Spanien unter Franco (Elisabeth de Sotelo) und ehemaligen sozialistischen Staaten (Hana Havelková, Bożena Chołuj , Ines Geipel) hat deutlich gemacht, dass die Erfahrungen der Frauen jeweils ganz unterschiedliche sind. Nur in postsozialistischen Ländern, nicht jedoch in Diktaturen, können sich Frauen auf positive Elemente, z.B. auf „sozialistische Errungenschafen“ berufen - staatlich unterstützte Mütter-Erwerbstätigkeit, Betreuungseinrichtungen für Kinder, Förderung von Bildung und beruflicher Qualifikation von Frauen, auch in naturwissenschaftlichen Disziplinen - an denen sie, wenn auch modifiziert, festhalten wollen. Wie lassen sich diese unterschiedlichen Erfahrungen erklären? Neben den Gemeinsamkeiten, die totalitäre Staaten auf der Makroebene aufweisen können, in den politischen Strukturen, im Fehlen von Oppositionsparteien, liegen die für Frauen relevanten Unterschiede in den Ideologien, in den Gedankengebäuden und in den Begründungen selber, mit denen sich diese Regime legitimierten. Und nur in sozialistischen Systemen gab es einen Staatsfeminismus, der sich die Emanzipation der Frau auf seine Fahnen geschrieben hatte.

 

 

Wie wir inzwischen aus empirischen Erfahrungen und auch aus der Gender-Forschung wissen, scheiterte das Emanzipationsversprechen nicht nur an einer halbherzigen Umsetzung - am fehlenden politischen Willen - sondern an einer systemischen Fehlsteuerung selber. Denn Gleichstellungspolitik im sozialistischen Sinne sollte ohne die Kategorie „Geschlecht“ auskommen, ohne Thematisierung von Geschlechterrollen, ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenslagen und Bedürfnisse von Frauen und Männern. Ines Geipel sprach von einer „bigotten Emanzipation“, die sich – nicht nur in der DDR – lediglich auf die öffentliche Sphäre und auf den Arbeitsmarkt bezogen hatte und nicht auf Haltungen und Mentalitäten. Auch wurden Männer nicht in das Emanzipationskonzept einbezogen. Obgleich dieses – einseitig auf Frauen gerichtete – Emanzipationskonzept vor allem instrumentell-ökonomisch motiviert war – wie Gesine Fuchs es an anderer Stelle ausführte, trug es zur Konstruktion von Geschlechterrollen bei, an denen viele Frauen in den mittel- und osteuropäischen Staaten (MOE-Staaten) heute weiterhin festhalten.

 

 

Zweitens:

 

Transformationsprozesse verlaufen je nach den Erfahrungen eines Landes unterschiedlich. Den spanischen Transformationsprozess bezeichnete Elisabeth de Sotelo als einen abrupten: Ein völliger Bruch und Neubeginn waren für eine demokratische Frauenpolitik notwendig, d.h. Abkehr von einer überhöhten katholisch geprägten Mutterschaftsideologie, steigende weibliche Erwerbsbeteiligung und eine Bildungsoffensive der Frauen. Dennoch sei das gegenwärtige gleichstellungspolitische Bild ambivalent: Spanische Frauen sind gut ausgebildet, und die Hälfte der MinisterInnen sind weiblich, gleichzeitig liegen die Erwerbsquoten der Frauen und auch die Geburtenraten unter dem europäischen Durchschnitt. Der Einfluss der katholischen Kirche auf die Geschlechterbeziehungen werde im heutigen Spanien überschätzt, während dieser in Polen – so Bożena Chołuj – einflussreich ist, was sich an der Verschärfung des Abtreibungsgesetzes zeige. Hana Havelková wiederum betonte den säkularen Charakter der tschechischen postsozialistischen Gesellschaft, mit einem liberalen Abtreibungsgesetz. Anders als in der DDR, sei der Transformationsprozess in Tschechien ohne abrupte Brüche und ohne Hinwendung zur Kirche und Religion relativ weich verlaufen. Ines Geipel spricht von einer „Gesellschaftswüste“ im östlichen Teil Deutschlands. 15 Jahre nach der Wende seien dort die Energien verbraucht, weil aktive Frauen fehlen bzw. nach Westen auswandern. In den ganz unterschiedlich verlaufenden Transformationsprozessen komme zum Ausdruck, dass rund 45 Jahre gemeinsamer sozialistischer Erfahrungen nur einen geringen Teil der Geschichte eines Landes ausmachen (Hana Havelková). Denn während der Zeit des Sozialismus haben darunter liegende andere Geschichten - die longue durée - weiter gewirkt, wie in Polen z.B. der Katholizismus. Ein Denken in längeren Traditionslinien werde notwendig, um den länderspezifisch unterschiedlichen Vorstellungen von Geschlechterrollen in den MOE-Staaten, aber auch in den westlichen Ländern, gerecht zu werden.

 

 

Drittens:

 

Wie weiter? Wie belastbar ist das Instrument von Gender-Mainstreaming für zukünftige Frauen- und Geschlechterpolitiken? In dieser Frage zeigten sich unterschiedliche Auffassungen zwischen Frauen aus den MOE-Staaten und aus westeuropäischen Ländern. Die Art und Weise, wie Gender-Mainstreaming in den MOE-Staaten implementiert worden ist – hierarchisch von der EU nach unten auf die Länderebene – sei günstig, denn es komme dem Staatsverständnis postsozialistischer Länder entgegen. „Alles was von oben kommt, funktioniert gut“ (Hana Havelková). Über ähnliche Erfahrungen berichtete auch Bożena Chołuj. Sie sprach von Umgehungsstrategien der Frauen, d.h. wenn Frauen auf nationaler Ebene etwas nicht durchsetzen können, suchen sie den Umweg über die EU oder über „ausländische“ Organisationen wie die NGOs, um dann von oben die gleiche Forderung häufig erfolgreich durchsetzen zu können. Mit dem Instrument des Gender-Mainstreaming sei es möglich, die Kategorie „Geschlecht“ in Forschung, Lehre und Politik „hinein zu schmuggeln“, um so erst einmal eine internationale Vergleichsperspektive herstellen zu können. Günstig sei auch die unterstellte Geschlechtsneutralität des Wortes „gender“ gegenüber dem Bewegungsbegriff „Feminismus“, die solch ein eher „subversives“ Vorgehen in Politik und Wissenschaft ermögliche.

 

Weniger positiv sehen Frauen aus dem „alten Europa“ die strategische Kraft des Gender-Mainstreaming. Elisabeth de Sotelo wies darauf hin, dass durch das anscheinend geschlechtsneutrale Instrument des Gender-Mainstreaming nun die Gefahr bestehe, dass die Kategorie „Frau“ wieder ad-acta gelegt werden könne, wie es derzeit teilweise in der Familienpolitik geschieht. Die Frage, ob eine geschlechterneutrale Begrifflichkeit zum Verschwinden der Kategorie „Frau“ aus Theorie und polischer Praxis beitrage, oder umgekehrt, ob solch eine Strategie - wie sie in den MOE-Staaten diskutiert wird - geradezu günstig sei, um die Kategorie „Geschlecht“ in Theorie und Praxis „ein zu schmuggeln“, um Geschlechterrollen konstruieren und thematisieren zu können - diese Frage blieb offen. Eine Antwort hierauf ist wahrscheinlich stark kontextabhängig. Konsens bestand lediglich darin, die vorhandenen EU-Strukturen hieraufhin abzufragen. Dies erscheint als notwendig, denn,... „was sind wir – die Frauen – doch für ein Potenzial“, wie es eine Teilnehmerin ausgedrückt hat.

 

 

Abschließend konnte festgehalten werden, dass ein großes Bedürfnis danach besteht, sich über die unterschiedlichen – länderspezifischen – Erfahrungen in den Transformationsprozessen und auch über die Politik der EU auszutauschen. Können Frauen auf die Vielfalt in der Frauen- und Geschlechterpolitik und auch auf Ungleichzeitigkeiten der Bewegungen mit einer einheitlichen Strategie antworten? Um dies auszuloten sind weitere Diskussionen und Vernetzungen notwendig. Die Stiftung „Frauen in Europa“ wollte mit der Veranstaltung hierfür einen Baustein liefern, und sie wird weiterhin versuchen, für solch einen notwendigen Austausch einen Ort und Rahmen zu schaffen.

 

 


Atomausstieg selber machen


böll THEMA Ausgabe 2. 2010, LANDWIRTSCHAFT UND KLIMAWANDEL